Emirali Simsek (Sekräter der Abt. Organisation der Gewerkschaft Egitim-Sen)

Merhaba liebe Freundinnen und Freunde!

Merhaba, Herzen, die Ihr in Sehnsucht nach Eurer Heimat entflammt seid.

Merhaba, Herzen, die Ihr für ein demokratisches und freies Land schlagt.

Merhaba Euch, die Ihr Frieden wollt.

Merhaba Euch, die Ihr nicht für den Krieg sondern für den Frieden Partei ergreift.

Merhaba Euch, Friedenskämpferinnen und Friedenskämpfer,

die Ihr die Würde zeigt, Euch in der Ferne, weit fort von Eurem Land, für Eure Identität, Eure Muttersprache und Eure Kultur einzusetzen.

Die ihr - trotz allem - Frieden, Demokratie und Freiheit ruft.

Merhaba, die ihr das Leben befreit.

Merhaba kurdische Arbeiterinnen und Arbeiter!

Eure Rufe hier nach "Frieden jetzt", "Es lebe der Frieden" werden jetzt in Ankara gehört. Sie hallen wider in den Herzen der in Armut aber Würde lebenden, friedensliebenden Arbeiterinnen und Arbeiter in der Türkei. In Ankara vereinigen Hunderttausende ihre Stimme mit eurer Stimme. Sie reichen Euch die Hände. Diejenigen, die heute in Ankara zusammen gekommen sind, sind eure Schwestern und Brüder.Stärken wir die Kraft unserer Schwestern und Brüder und vervielfachen wir unsere Stimmen durch ihre Stimmen. Lasst uns unseren Wunsch nach Frieden in ein Lied für Freiheits- und Geschwisterlichkeit verwandeln.

Liebe Freundinnen und Freunde.

Liebe Mütter, Väter und Kinder, die ihr die eigentlichen Opfer des Krieges seid.

Wer kann das Friedenslied zum Schweigen bringen, wer kann die Menge aufhalten, die für den Frieden marschiert?

Millionen von Menschen erleiden die tiefen Wunden des Krieges. Millionen von Menschen fordern Frieden. Hier steckt die eigentliche Kraft. Wir sind stark, wir werden gewinnen. Denn wir fordern Frieden.

Die Banden wollen Krieg, diejenigen, die die Finanzen plündern, wollen Krieg, diejenigen, die die Politik von Nichtanerkennung und Verleugnung betreiben, die aus dieser Politik Profit schlagen, wollen den Krieg.

Aber wir wollen Frieden. Denn wir sind die Menschen, die die Wunden des Krieges tief in unseren Herzen erlebt haben.

Wie viele von uns sind gestorben.

Wie können wir die Tausenden von Toten, die Hunderttausenden von Verletzten, die verbrannten und zerstörten Dörfer, die geleerten Schulen, die verbrannten Wälder, die zerstörte Natur vergessen?

500 unserer Menschen verschwanden in Incommunicadohaft. 92 Menschen wurden während Newrozfeierlichkeiten durch Kugeln getötet. Türkeiweit haben wir 195 Menschen durch Repression und extralegale Hinrichtungen verloren. 104 Menschen wurden bei Angriffen auf Demonstrationen getötet.

Wir haben erlebt, wie Hunderte von Erwerbstätigen während des Klassen- und Demokratiekampfes in andere Gebiete zwangsversetzt wurden und Dutzende durch politische Morde sogenannter unbekannter Täter ihr Leben ließen.

Können wir all das vergessen?

Die 230 Menschen, die allein in der Zeit von 1983 bis 1994 in den Haftanstalten getötet wurden;

die 430 Menschen, die zu Tode gefoltert wurden;

die über 4000 Dörfer, die zerstört, verbrannt und entvölkert wurden;

die 60.000 Hektar Land, die verbrannt wurden;

die 5 Mio. Menschen, die fliehen mussten und am Rande der Metropolen Hunger leiden, die ohne Ärzte, ohne Schulen und ohne ein Dach über dem Kopf bleiben;

können wir all diese vergessen ?

Liebe Freundinnen und Freunde,

Krieg bedeutet für uns noch mehr Soldaten, noch mehr Kobras und Kampfflugzeuge, noch mehr Waffen und noch mehr Bomben.

Ein Staatsbudget, das in den Tod investiert wird, bedeutet noch größere Verarmung der Menschen.

Krieg bedeutet Morde sogenannter unbekannter Täter.

Wie oft wurde Diyarbakir beschossen, wie oft hat Tunceli geweint?

Wie oft hat der Krieg Adana, Izmir und Istanbul getroffen?

Wie viele Mütter haben geweint, wie viele Kinder mussten sterben?

Wie konnten diejenigen, die Rache, Hass, Blut, Tränen und Tod fordern, die Politik beherrschen?

Diejenigen, die durch den Handel mit Tod und Blut leben, die ihre Macht durch Angst und Rache aufrecht erhalten, grinsen uns jedes Mal hämisch an, wenn sie das Wort Krieg hören.

Deshalb lasst uns noch einmal in ihre hässlichen Gesichter schreien:

Das Volk will keinen Krieg!

Das Volk will keinen Krieg!

Das Volk will keinen Krieg!

Niemand kann sich den Stimmen unserer Geschwister und der Befürworter von Frieden verschließen.

Wir fragen: "Wie lange wird es noch anhalten?"

Nicht, dass es keine Lösung gäbe. Wir wissen, dass es eine Lösung gibt.

Es gibt einen Weg zum Frieden, diesen Weg werden wir mit unseren eigenen Händen schaffen.

Es gibt einen anderen Weg, den Kurden und Türken gemeinsam, geschwisterlich und gemeinsam, errichten werden.

Ein Weg des Friedens ist gangbar in unserer Region.

Ja, es gibt einen anderen Weg.

Es ist der Weg, der sich gegen die Finsternis richtet und über eine freie und demokratische Türkei führt.

Lasst uns, um diesen Weg zu ebnen, die Stimme für den Frieden, die sich in diesem Moment in Ankara erhebt und die Sonne der Freiheit erwidern. Lasst uns unseren Platz an der Sonne einnehmen.

Verehrte Arbeiterinnen und Arbeiter!

Auf Krieg zu beharren, bedeutet Unterdrückung aller demokratischen Rechte und Forderungen, systematische Weiterführung der Menschenrechtsverletzungen, Verbot der Gedanken und Zustimmung zur gewaltsamen Unterdrückung der elementaren Rechte und Freiheiten.

Auf Krieg zu beharren heißt, dazu beizutragen, die kurdische Frage in die Ausweglosigkeit zu treiben.

Die Ursache dafür, dass die Arbeitermassen gezwungen sind, an der Hungergrenze zu leben, die Ursache dafür, dass die Frauen gezwungen werden, den höchsten Preis zu zahlen, die Ursache für die Probleme der jungen Menschen unseres Landes, welche willkürlichen Repressionen ausgesetzt sind, liegt im Festhalten am Krieg.

Der Frieden, die Demokratie und die Freiheit wurden vor allem in den letzten zwei Jahren seit der Beendigung des bewaffneten Kampfes gestärkt.

Auf Krieg zu beharren heißt, sich von Freiheit und Demokratie gestört zu fühlen.

Liebe Freundinnen und Freunde!

Während heute der Kampf um Demokratie anhält, bietet uns die beendete Kriegssituation unzählige neue Möglichkeiten.

Was dieses Landes heute braucht, ist eine demokratische, freiheitliche und pluralistische Neuordnung sowohl der Verfassung und der Gesetze als auch der Praxis.

Die Anforderungen einer Gesellschaft, die aus verschiedenen Identitäten, verschiedenen Glaubensrichtungen und unterschiedlichen Kulturen besteht, können nur durch eine solche Neuordnung erfüllt werden.

Mit einer solchen Neuordnung kann auch die kurdische Frage gelöst werden.

Sie ist unteilbarer Bestandteil des Kampfes der Arbeiterinnen und Arbeiter für Rechte und Freiheiten, für Frieden und Demokratie.

In keinem Land, in dem Frieden, Demokratie und Menschenrechte keine unumstößliche Verankerung gefunden haben, können die Errungenschaften der Arbeiterschaft geschützt und Rechte und Freiheiten gewonnen werden. Deshalb sind wir gezwungen, unseren Arbeitskampf mit dem Kampf für Demokratie und Menschenrechte zu vereinen.

Es ist genau der richtige Zeitpunkt, um dem Frieden eine Chance zu geben und uns erneut zu hinterfragen.

Wenn sie weiter auf Kriegsführung bestehen, dann müssen wir auf Frieden beharren.

Denn: Frieden zu fordern heißt, eine Welt ohne Waffen zu fordern.

Frieden zu fordern heißt, die Forderung nach entgeltfreier Bildung und Gesundheit zu verstärken.

Frieden zu fordern heißt, für ein freies demokratisches Land zu kämpfen.

Frieden zu fordern heißt, sich für die Straßenkinder einzusetzen.

Frieden zu fordern heißt, sich gegen die Vorherrschaft der Menschen gegenüber der Natur, des Mannes gegenüber der Frau, der Gesunden gegenüber den Behinderten zu stellen.

Frieden zu fordern heißt, eine Welt ohne Armut zu wollen, in der die Reichtümer gleich verteilt sind.

Frieden zu fordern heißt, die Rückkehr der Menschen zu wollen, die aus ihren verbrannten und zerstörten Dörfern vertrieben wurden.

Frieden zu fordern heißt, die Lösung der kurdischen Frage mit demokratischen Mitteln zu wollen und sich für ein gleichberechtigtes und freiheitliches Zusammenleben einzusetzen.

Frieden zu fordern heißt, Grundrechte und Grundfreiheiten zu fordern.

Um in einer gleichberechtigten, freien und demokratischen Welt zu leben und

eine Kultur des Friedens zum Erblühen und zur Verbreiterung zu bringen,

laßt uns gemeinsam mit allen Friedensbefürwortern weltweit

wie aus einem Munde rufen:

"Frieden jetzt!".

Emirali Simsek (Sekretär der Abt. Organisation der Gewerkschaft Erziehung u. Wissenschaft)